
Six Nations Format und Bonuspunkte — die Mathematik hinter Outright-Wetten
Ein Bekannter aus Zürich rief mich Anfang Februar 2024 an, kurz vor dem ersten Six-Nations-Wochenende. Er wollte eine Outright-Wette auf den Turniersieger platzieren und fragte, ob Frankreich oder Irland die bessere Wahl sei. Meine erste Gegenfrage war: «Hast du dir das Bonuspunkt-System angeschaut?» Er hatte nicht. Genau dort liegt der Schlüssel zur Outright-Mathematik. Wer Six Nations bespielt, ohne das Bonuspunkt-Schema zu verstehen, vergleicht Erwartungswerte falsch. Die Ausgabe 2026 läuft vom 5. Februar bis 14. März mit 15 Spielen, verteilt auf fünf Wochenenden — und genau diese Spielanzahl macht jede einzelne Begegnung quotentechnisch wertvoll.
Das Grundformat — fünf Wochenenden, fünfzehn Spiele
Six Nations ist ein Rundenturnier mit sechs Mannschaften: England, Frankreich, Irland, Schottland, Wales, Italien. Jede Nation spielt fünfmal — gegen jede andere einmal —, wobei Heimrecht jedes zweite Jahr wechselt. Die Ausgabe 2026 erstreckt sich vom 5. Februar bis 14. März über fünfzehn Spiele.
Diese Verteilung über fünf Wochenenden hat strukturelle Folgen. Jede Mannschaft hat im Turnierverlauf zwei oder drei Heimspiele, was die Outright-Quote bereits zu Turnierbeginn massgeblich beeinflusst. Frankreich, das in einer Saison drei Heimspiele hat, ist quotentechnisch ein anderer Favorit als das gleiche Frankreich in einer Saison mit nur zwei Heimspielen. Wer die Outright-Quote analysiert, sollte deshalb nicht nur die Mannschaftsstärke betrachten, sondern auch den Heimspielkalender.
Zwischen den Spieltagen liegen entweder eine oder zwei Wochen Pause. Die «Fallow Weeks» — also Wochenenden ohne Turnierspiel — fallen typisch nach dem zweiten und dem vierten Wochenende. Aus Wett-Sicht ist das relevant, weil verletzte Spieler in den Pausenwochen zurückkommen oder ausfallen, was die Aufstellungen verändert. Wer in der ersten Hälfte des Turniers gewettet hat, sollte vor der zweiten Hälfte die Updates prüfen.
Bonuspunkt für vier oder mehr Tries — der Offensiv-Anreiz
Seit 2017 gilt im Six Nations das Bonuspunkt-System mit zwei Varianten. Erstens: Eine Mannschaft, die in einem Spiel vier oder mehr Tries erzielt, erhält einen zusätzlichen Punkt — den Offensiv-Bonus. Das gilt unabhängig vom Spielausgang, also auch für eine Mannschaft, die verliert, aber dennoch vier Tries erzielt.
Die Mathematik dahinter ist einfach, aber wettrelevant. Ein normaler Sieg gibt vier Punkte, ein Unentschieden zwei, eine Niederlage null. Ein Sieg mit vier Tries gibt also fünf statt vier Punkte — was über fünf Spielwochenenden den Unterschied zwischen Turniersieger und Zweitplatziertem ausmachen kann.
Für die Praxis heisst das: Mannschaften, die in der laufenden Saison statistisch hohe Try-Quoten aufweisen, sind Outright-attraktiver als Mannschaften mit knappen, defensiven Siegen. Frankreich und Irland haben in den vergangenen Saisons regelmässig vier Bonus-Punkte oder mehr im Turnierverlauf gesammelt — eine Statistik, die sich bei Outright-Quoten zu Saisonbeginn lohnt zu prüfen.
Aus meiner Beobachtung wird der Offensiv-Bonus oft falsch eingepreist. Wenn ein Klubrugby-Statistiker auf Sieg-Wetten in der ersten Halbzeit setzt, ohne den Try-Schnitt der Mannschaft einzubeziehen, übersieht er, dass die Mannschaft im zweiten Halbzeit-Drittel offensiver werden kann, weil der vierte Try ein zusätzlicher Wettpunkt ist. Diese Anreizstruktur beeinflusst direkt die Spielanlage.
Verlierer-Bonuspunkt und die Sieben-Punkte-Regel
Die zweite Variante des Bonus-Systems ist der Defensiv-Bonus. Eine Mannschaft, die mit sieben Punkten oder weniger Differenz verliert, erhält einen Punkt — auch wenn sie nicht gewinnt. Das soll dazu führen, dass auch knappe Niederlagen für die unterlegene Mannschaft strategisch wertvoll sind und sie nicht in den letzten Minuten den Anschluss verpasst.
Diese Regel verändert die Spielmechanik in den letzten zehn Minuten erheblich. Eine Mannschaft, die mit drei oder fünf Punkten Rückstand spielt, agiert defensiver, weil ein weiterer Punktverlust den Defensiv-Bonus kostet. Eine Mannschaft, die mit acht Punkten Rückstand spielt, hat den Bonus bereits verloren und kann offensiver agieren — Risiko-Pässe, Drop-Goal-Versuche, schnelle Spielfortsetzungen.
Aus meiner Erfahrung gibt es ein typisches Muster in den Schluss-Minuten knapper Six-Nations-Spiele. Wenn die Differenz bei sechs Punkten liegt, agieren beide Mannschaften vorsichtig. Wenn die Differenz bei neun oder zehn Punkten liegt, wird das Spiel deutlich offener. Für Live-Wetter ist das ein Signal — die Schluss-Phase entwickelt sich vorhersagbarer, sobald die Differenz die Sieben-Punkte-Schwelle überschreitet.
Eine Sonderregel: Beim Grand Slam (siehe nächster Abschnitt) gibt es einen zusätzlichen Punkt. Eine Mannschaft, die alle fünf Spiele gewinnt, erhält drei zusätzliche Bonus-Punkte — was den Grand Slam zu einem mathematischen Selbstläufer für den Turniersieg macht.
Grand Slam und Triple Crown — die Sonderkategorien
Zwei Sonderkategorien existieren neben dem Bonuspunkt-System. Der Grand Slam — alle fünf Spiele gewinnen — bringt drei zusätzliche Punkte und ist die höchste Auszeichnung im Six Nations. Wer einen Grand Slam holt, ist mathematisch fast zwingend Turniersieger, weil die maximale Punktzahl einer anderen Mannschaft nicht erreicht werden kann.
Die Triple Crown ist eine historische Auszeichnung für die Mannschaft, die alle drei Spiele zwischen England, Irland, Schottland und Wales (die «Home Nations») gewinnt. Sie bringt keine zusätzlichen Turnierpunkte, ist aber sportlich symbolisch wichtig. Quotentechnisch wird die Triple Crown als eigene Wette angeboten — meist als Spezialmarkt mit höheren Quoten, weil die mathematische Wahrscheinlichkeit nicht trivial ist.
Aus Wett-Sicht ist der Grand Slam selten — in den letzten zehn Saisons gab es nur vereinzelte Vollendungen. Die Wahrscheinlichkeit hängt von der Spielstärke der einzelnen Mannschaft, vom Heimkalender und vom Verletzungsstatus der Topspieler ab. Quoten auf den Grand Slam liegen zu Saisonbeginn für die Favoriten meist bei 4.0 bis 8.0, für Aussenseiter bei 20.0 oder höher.
Die Triple Crown ist mathematisch wahrscheinlicher als der Grand Slam, weil nur drei Spiele gewonnen werden müssen — und nur unter den Home Nations. Italien kann theoretisch alle Spiele gegen Home Nations verlieren und der Grand Slam dennoch ausser Reichweite bleiben, während die Triple Crown an dieselbe Home-Nation geht.
Wettrelevanz der Bonus-Punkte
Die Bonus-Punkte verändern die Outright-Mathematik nicht trivial. Eine Outright-Wette auf den Turniersieger ist keine reine Sieger-Wette mehr — sie ist eine Mannschafts-Bonus-Wahrscheinlichkeitswette. Wer eine Mannschaft bewerten will, muss zwei Dinge tun: Erstens die erwartete Anzahl Siege schätzen. Zweitens die erwartete Anzahl Bonus-Punkte schätzen.
Frankreich etwa hat traditionell hohe Try-Quoten — vier Bonus-Punkte über fünf Spiele ist realistisch. Italien dagegen erreicht den Offensiv-Bonus selten, dafür aber gelegentlich den Defensiv-Bonus in knappen Niederlagen. Wer Outright auf Italien wettet, muss diese spezifische Bonus-Mechanik einkalkulieren.
Die Spieltagsbewertung hat eine zweite Ebene: Über/Unter-Wetten auf einzelne Spiele werden indirekt durch das Bonus-System beeinflusst. Mannschaften, die nach Anreiz für Bonus-Punkte spielen, riskieren mehr Tries — was den Punkteschnitt erhöht. Live-Wetten auf «Über» in Spielen, in denen eine Mannschaft den vierten Try sucht, sind aus diesem Grund häufig profitabel.
Aus neunjähriger Erfahrung mit Six-Nations-Wetten gilt: Wer das Bonus-System verstanden hat, hat in jeder Saison einen strukturellen Vorteil gegenüber Wettern, die rein auf Sieg-Quoten setzen. Outright-Wetten profitieren von dieser Mathematik direkt. Wer ergänzend wissen will, wie Handicap-Wetten in Six-Nations-Spielen funktionieren, findet vertiefende Hinweise im Beitrag Handicap-Wetten im Rugby Union.
Verfasst vom Team von „Rugby Union Wetten Schweiz”.
