Try-Scorer-Wetten beim Rugby — First, Anytime und Last im Vergleich

Spielfeld-Ausschnitt mit Markierungen für Try-Scorer-Analysen beim Rugby

Manuel Richard, Direktor der Gespa, sagte einmal über Sportwetten: «Speziell bei Sportwetten gibt es viele, die um hohe Einsätze spielen. Da müssen wir weiter beobachten, ob die Sozialschutzmassnahmen ausreichen.» Diesen Satz habe ich mir notiert, bevor ich mein erstes Try-Scorer-Kapitel angefangen habe. Weil dieser Markt — von allen Rugby-Wetten — der ist, bei dem die Quoten am verführerischsten klingen.

Anytime Try Scorer 4,50 auf einen Flügelspieler. First Try Scorer 9,00 auf einen Innenangreifer. Last Try Scorer 12,00 auf einen Stürmer. Das sind Zahlen, die einen Schein optisch schmücken. Sie sind auch der Grund, warum ich meine Einsätze hier kleiner halte als bei jedem anderen Markt. Im Schnitt liegt die Marge von Sporttip bei Try-Scorer-Märkten merklich höher als bei der Sieger-Wette.

In neun Jahren habe ich genug Try-Scorer-Quoten studiert, um die drei Spielarten klar voneinander zu trennen — First, Anytime, Last — und zu wissen, welche Position welchen Markt strukturell bevorzugt. Statistik «erster Try»: rund 70 Prozent der ersten Tries werden im Rugby Union von Flügelspielern erzielt. Diese Zahl ist die Grundlage für alles, was folgt.

First Try Scorer — der Markt mit der härtesten Statistik

Der erste Try eines Spiels ist im Kern eine Frage der Spielfeldgeometrie. Wer im Rugby Union punktet, muss den Ball über die gegnerische Try-Linie tragen. Die Spielfläche ist 70 Meter breit. Verteidigungslinien drücken über die Mitte zusammen, die Räume entstehen aussen. Genau dort stehen die Flügelspieler. 70 Prozent der ersten Tries entfallen deshalb auf sie — eine Zahl, die seit Jahren bemerkenswert stabil ist.

Sporttip ruft auf Flügelspieler typischerweise Quoten zwischen 7,50 und 9,00 für den First-Try-Markt auf, je nach Gegner und Spielform. Innenangreifer wie Inside-Centre liegen oft bei 10,00 bis 13,00. Stürmer in der ersten Reihe bewegen sich im Bereich 15,00 bis 25,00 — sie tragen den Ball selten in offene Räume. Number 8 oder ein dynamischer Flanker können bei 11,00 stehen, weil sie aus Mauls und Pick-and-Goes über die Linie kommen.

Mein Vorgehen: ich schaue zuerst die Aufstellungen ab und identifiziere, wer auf den Flügeln steht. Dann frage ich, wer von den beiden Flügeln im aktuellen Formteam mehr Anspielstationen hat — meistens der Aussen-Flügel auf der Schwächeren-Seite der Verteidigung. Wenn Antoine Dupont für Frankreich der Spielmacher ist, weiss ich, dass der Aussen-Flügel auf seiner Seite öfter Bälle bekommt. Das verschiebt die First-Try-Quote für mich nach oben.

Was viele übersehen: Penalty Tries. Wenn der Schiedsrichter einen Strafversuch zuerkennt, gilt das in den meisten Buchmacher-Regeln als Try-Scorer-Eintrag «No try scorer» — Sporttip zahlt dann den Markt nicht aus. Das passiert selten, vielleicht in einem von zwölf Spielen, aber im Schein-Risiko muss es eingepreist sein.

Anytime Try Scorer — der gemütlichste Markt

Anytime bedeutet: irgendwann im Spiel. Wenn Damian Penaud in der 78. Minute den fünften Versuch Frankreichs erzielt, gewinnt die Anytime-Wette auf ihn ebenso wie eine First-Try-Wette gewonnen hätte. Die Bandbreite an Möglichkeiten ist breiter, deshalb sind die Quoten niedriger.

Typische Quoten bei Sporttip: ein Stamm-Flügelspieler steht bei 2,40 bis 3,00 als Anytime Try Scorer. Centre und Number 8 bei 3,50 bis 4,50. Erste-Reihe-Stürmer 6,00 bis 10,00. Backup-Spieler von der Bank liegen meist über 8,00, weil sie nur die letzten 20 Minuten spielen.

Dieser Markt ist mein Lieblings-Probierfeld für Längsschnitte. Ich beobachte einen Spieler über eine Saison hinweg, notiere seine Anytime-Quoten und gleiche sie mit der tatsächlichen Try-Quote ab. Ein Spieler, der 60 Prozent seiner Spiele mit einem Versuch beendet, ist bei Quote 2,50 fair bezahlt — bei Quote 3,30 ein klarer Value-Pick. Solche Diskrepanzen entstehen, wenn der Spieler aus einem schwächeren Team kommt und der Buchmacher das Team statt den Spieler bepreist.

Eine Schwäche des Marktes: er reagiert träge auf Aufstellungswechsel. Wird ein Flügelspieler 90 Minuten vor Anstoss aus der Startaufstellung gestrichen, bleibt seine Quote bei Sporttip oft noch einige Minuten stehen, bevor sie ausgeblendet wird. Das Geld geht an dich zurück, aber du verlierst Reaktionszeit für die alternative Wette. Wer am Spieltag wettet, sollte die Aufstellung selbst nochmal nachprüfen.

Bei der Über-Unter-Wette auf Tries lässt sich ein Anytime-Schein gut absichern: einen Spieler tippen und gleichzeitig auf die Gesamtanzahl Tries setzen — wenn das Spiel offen wird, profitierst du doppelt.

Last Try Scorer — der Markt mit der grössten Streuung

Den letzten Try eines Spiels zu treffen, ist statistisch der reine Zufall — fast. Die letzten zehn Minuten eines Rugby-Spiels haben eigene Gesetze. Beide Teams wechseln. Die Bank kommt. Müdigkeit lässt Verteidigungen brechen. Tempo-Spieler werden eingewechselt. Wer auf den Last Try Scorer tippt, tippt auf das Spielende-Drama.

Quoten sind hier kompromisslos. Auch ein Stamm-Flügelspieler steht bei 7,00 bis 9,00. Bank-Stürmer, die als Impact Player in der 60. Minute kommen, bekommen Quoten um 10,00 bis 14,00. Spieler, die in der zweiten Reihe einer Reservebank stehen, klettern auf 20,00 hoch.

Meine persönliche Regel: Last Try Scorer setze ich nur, wenn ich von einem klaren Spielfluss überzeugt bin. Ein Spiel, bei dem das stärkere Team früh führt und am Ende verwaltet, hat oft seinen letzten Try in den ersten 60 Minuten. Ein Spiel zwischen zwei gleichwertigen Teams produziert den letzten Try meistens in den letzten 15 Minuten — und da kommt die Bank zum Zug. Wer den 50ten Cap eines Reserve-Flügels zur Quote 12,00 tippt, hat eine andere Erwartung als wer den Stammkapitän mit Quote 7,50 setzt.

Im Six Nations 2024 habe ich neun Last-Try-Scorer-Wetten platziert. Drei davon gingen auf — Trefferquote 33 Prozent. Bei einer Durchschnittsquote von 9,50 blieb das knapp im Plus. Die Lehre: dieser Markt kann mathematisch funktionieren, aber er braucht eine Mindestanzahl Versuche, um die Streuung auszugleichen. Wer ein, zwei Versuche im Monat platziert, gewinnt entweder Lotto oder verliert.

Warum Flügelspieler die natürlichen Try-Scorer sind

Die 70-Prozent-Quote bei ersten Tries durch Flügelspieler ist kein Zufall. Sie ergibt sich aus der Architektur des Spiels.

Erstens: die Linienverteidigung. Wenn alle 15 Verteidiger über die Spielfeldbreite stehen, entstehen die kürzesten Lücken aussen. Ein schneller Flügelspieler braucht nur drei Meter freien Raum, um die Verteidigung zu überspielen. Innenangreifer brauchen mehr — und treffen auf grössere Verteidiger.

Zweitens: das Spielmuster. Moderne Rugby-Mannschaften öffnen die Aussenpassagen mit weiten Pässen aus dem Ruck. Der Ball läuft durch fünf, sechs Hände, bevor er beim Flügel ankommt. Wenn die Distribution sauber ist, ist die Verteidigung beim letzten Pass gezwungen, sich aufzulösen.

Drittens: Spielsituationen aus dem Lineout. Maul-Tries werden zwar von Stürmern erzielt, aber sie sind selten der erste Try eines Spiels — sie passieren typischerweise nach dem 30. Minuten, wenn die Mannschaften ihre Set-Piece-Patterns aufgebaut haben.

Ein konkreter Spieler-Typ zum Markieren: ein Flügelspieler mit 1,90 Meter Grösse und Sprintzeiten unter 11 Sekunden über 100 Meter. Cheslin Kolbe, Damian Penaud, James Lowe, Louis Bielle-Biarrey. Diese Profile bekommen die ersten zwei oder drei Anspielstationen ihres Teams in jedem Spiel — und damit die ersten Try-Chancen.

Typische Quoten-Spannen und wie ich sie lese

Bei einem Standard-Six-Nations-Match sehe ich folgende Verteilung in der Sporttip-Liste: First Try Scorer beginnt bei rund 6,50 für den ersten Flügelspieler und endet bei 50,00 für einen Backrow-Reservespieler. Anytime Try Scorer beginnt bei 2,30 und endet bei 15,00. Last Try Scorer streut zwischen 7,00 und 25,00.

Was ich nicht mache: blind die niedrigste Quote nehmen, weil sie nach Sicherheit aussieht. Die niedrigste Quote bedeutet, dass der Buchmacher diesen Spieler für am wahrscheinlichsten hält — und die anderen Wetter auch. Margen-Vorteil entsteht im mittleren Bereich, dort, wo ein Spieler mit Quote 5,00 in 25 Prozent der Fälle einen Try erzielt. Solche Diskrepanzen finde ich, wenn ich Spielerprofile mit Saisonstatistik vergleiche und nicht nur dem Quotenlisting traue.

Mein Test vor jedem Schein: ich rechne die implizite Wahrscheinlichkeit der Quote aus — 100 dividiert durch die Quote, dann etwas für die Marge abziehen. Quote 5,00 entspricht etwa 18 Prozent. Wenn ich glaube, dass der Spieler in mindestens 22 Prozent der Fälle den ersten Try erzielt, ist die Wette mathematisch positiv. Wenn nicht, lasse ich sie liegen. Diese Disziplin hat mir mehr Bankroll gerettet als jede Quotenjagd.

Warum bekommen Flügelspieler so oft den First-Try?

Weil die Aussenpassagen des Spielfelds bei moderner Linienverteidigung die ersten offenen Räume produzieren. Pässe laufen durch die Hände der Innenangreifer nach aussen — der Flügelspieler ist der letzte in der Kette und trifft auf die schwächste Verteidigungsverdichtung. Statistisch entfallen rund 70 Prozent der ersten Tries auf diese Position.

Was passiert mit der Try-Scorer-Wette bei einem nachträglich aberkannten Versuch?

Wird ein Try durch den TMO (Television Match Official) nachträglich aberkannt, gilt er als nicht erzielt — die Try-Scorer-Wette bleibt offen und wird mit dem nächsten regulären Try entschieden. Bei Penalty Tries ohne Spielerzuordnung wird der Markt als ‚No try scorer‘ gewertet, der Einsatz geht in der Regel verloren oder wird je nach Buchmacher-Regelung erstattet.

Geschrieben von der Redaktion „Rugby Union Wetten Schweiz”.